Gleichgeschlechtliche Ehe — Brasilien

Gleichgeschlechtliche união estável seit 2011 vom Obersten Gericht anerkannt und Ehe in allen Cartórios seit der Resolution 175/2013 des Nationalen Justizrats, mit denselben Wirkungen — Adoption, Erbrecht, Rente; Homophobie ist seit 2019 ein dem Rassismus gleichgestelltes Verbrechen; kein vom Kongress verabschiedetes Gesetz, sodass die Rechte auf Gerichtsentscheidungen ruhen; eine brasilianische Ehe gilt in Deutschland seit 2017 als Ehe.

Übersichtskarte — Brasilien — Gleichgeschlechtliche Ehe
Brasilien. Vereinfachte Übersichtskarte — Natural-Earth-Daten, gemeinfrei.

Die Rechtsgrundlage

Das Oberste Bundesgericht erkannte im Mai 2011 (ADI 4277 und ADPF 132) die gleichgeschlechtliche união estável als Familieneinheit mit allen Wirkungen an; der Nationale Justizrat verbot den Cartórios mit der Resolution 175 vom Mai 2013, das Aufgebot, die Trauung oder die Umwandlung der união estável in eine Ehe zu verweigern. Die gemeinsame Adoption bestätigte das Oberste Gericht 2015, das Erbrecht des Partners wurde 2017 dem des Ehegatten gleichgestellt, und 2019 (ADO 26 und MI 4733) entschied das Gericht, dass Homophobie und Transphobie als Rassismus strafbar sind, bis der Kongress ein Gesetz erlässt. Die Änderung von Namen und Geschlechtseintrag erfolgt seit 2018 im Cartório, ohne Operation und ohne Gerichtsentscheidung. Der Bundesrat für Psychologie verbietet «Konversionstherapien» seit 1999. Keine dieser Errungenschaften wurde als Gesetz verabschiedet: der Kongress hat die Ehe für alle nie beschlossen, und Gesetzentwürfe zu ihrem Verbot tauchen regelmäßig auf.

Brasilien öffnete die Ehe vier Jahre vor Deutschland — 2013 gegen 2017 — und auf einem anderen Weg: durch Gerichte statt durch das Parlament. Für deutsch-brasilianische gleichgeschlechtliche Paare bedeutet das volle Anerkennung in beiden Richtungen: eine brasilianische Ehe wird in Deutschland seit 2017 als Ehe nachbeurkundet (vorher als Lebenspartnerschaft), eine deutsche Ehe in Brasilien ohne Verfahren als Ehe behandelt, samt Aufenthaltsrecht für den Ehegatten in beiden Ländern.

Bei den Kindern ist Brasilien liberaler als Deutschland: zwei Ehefrauen, die eine Samenspende in einer Klinik nutzen, werden beide ab Geburt als Mütter eingetragen (Provimento 63/2017 des CNJ), während die zweite Mutter in Deutschland bis zur angekündigten Abstammungsreform adoptieren muss; zwei Männer können eine altruistische Leihmutterschaft durch eine Verwandte nutzen, die in Deutschland verboten ist. Deutschland erkennt die brasilianische Geburtsurkunde mit zwei Müttern nur an, wenn eine gerichtliche Entscheidung oder eine Adoption zugrunde liegt — die Registrierung im Cartório allein reicht deutschen Behörden meist nicht, deshalb Rechtsrat vor der Rückkehr. Gesellschaftlich ist Brasilien zugleich das Land der größten Pride-Parade der Welt (São Paulo, drei Millionen Menschen) und eines der Länder mit den meisten Tötungen von LGBTI-Personen: Vorsicht außerhalb der Metropolen.

Die wichtigsten Punkte

EheIn allen Cartórios seit dem 16. Mai 2013 (Resolution CNJ 175); dieselben Wirkungen
União estávelAnerkannt seit Mai 2011 (STF); in eine Ehe umwandelbar
AdoptionGemeinsam und Stiefkindadoption, bestätigt vom STF (2015); Abstammungsvermutung für verheiratete Frauen mit Kinderwunschbehandlung (Provimento CNJ 63/2017)
Erbrecht und RenteGleich wie beim heterosexuellen Ehegatten (STF 2017; INSS)
HomophobieVerbrechen des Rassismus (Gesetz 7.716/1989 nach STF-Entscheidung 2019): ein bis drei Jahre, bis fünf über Medien
GesetzKeines: alles ruht auf dem Obersten Gericht und dem CNJ
DeutscheBrasilianische Ehe in Deutschland seit 2017 als Ehe; Zwei-Mütter-Geburtsurkunde braucht in Deutschland meist Gerichtsentscheidung oder Adoption

In der Praxis

Kosten und Übernahme

Die Ehe kostet dasselbe wie für jedes Paar — kostenlos mit Bedürftigkeitserklärung, sonst einige hundert Reais; die Kinderwunschbehandlung ist im SUS selten und kostet privat 15 000 bis 30 000 Reais je Zyklus; die Änderung von Namen und Geschlecht im Cartório kostet einige hundert Reais, kostenlos für Bedürftige.

Aktuelle Entwicklungen

Die Volkszählung von 2022 zählte erstmals die gleichgeschlechtlichen Paare, und das IBGE veröffentlichte 2024 die ersten Daten; ein Gesetzentwurf zum Verbot der Ehe für alle wurde 2023 in einem Ausschuss der Abgeordnetenkammer angenommen, ohne Fortgang im Plenum; das Oberste Gericht bestätigte 2023 den Schutz von Transpersonen und 2020 die Blutspende ohne Einschränkung nach Orientierung. Deutschland plant die Abstammungsreform für Zwei-Mütter-Familien.

Anlaufstellen

Gut zu wissen

Die Rechte gleichgeschlechtlicher Paare in Brasilien ruhen auf Entscheidungen des Obersten Gerichts und des CNJ, nicht auf Gesetzen: sie sind heute vollständig, aber politisch umkämpft, und Brasilien ist zugleich eines der Länder, in denen die meisten LGBTI-Personen getötet werden. Paare schützen sich, indem sie die Ehe oder die união estável registrieren, ein Testament machen und die Nachweise des gemeinsamen Lebens aufbewahren — und für Deutschland die Nachbeurkundung vornehmen.

Häufige Fragen

Wird unsere brasilianische Ehe in Deutschland eingetragen?

Ja, seit der Ehe für alle im Oktober 2017 als Ehe, mit Heiratsurkunde, Apostille und beeidigter Übersetzung; eine vor 2017 geschlossene brasilianische Ehe, die in Deutschland als Lebenspartnerschaft behandelt wurde, gilt seitdem als Ehe. Die Nachbeurkundung beim Standesamt ist freiwillig, öffnet aber Familiennachzug, Steuerklasse und Hinterbliebenenrente ohne Diskussion.

Wir sind zwei Frauen, unser Kind wurde in Brasilien mit beiden Müttern registriert — gilt das in Deutschland?

Nicht automatisch: das deutsche Abstammungsrecht kennt bisher nur die Mutter, die geboren hat, und die zweite Mutter nur durch Adoption; eine brasilianische Geburtsurkunde mit zwei Müttern beruht auf einer Registrierung, nicht auf einer Gerichtsentscheidung, sodass deutsche Behörden die zweite Mutter oft nicht anerkennen. Der sichere Weg ist die Stiefkindadoption in Deutschland oder eine brasilianische Gerichtsentscheidung über die Elternschaft, die anerkannt werden kann. Die angekündigte Abstammungsreform soll das ändern — den Stand beim Konsulat erfragen.

Ist Brasilien sicher für ein schwules Paar?

Rechtlich vollständig, gesellschaftlich gespalten: São Paulo, Rio, Florianópolis, Belo Horizonte und die Küstenstädte des Südens haben ein offenes Leben und die größte Pride der Welt, während ländliche und evangelikal geprägte Regionen feindlich sein können und die Zahl der Tötungen von LGBTI-Personen zu den höchsten der Welt gehört. Homophobe Gewalt ist ein Rassismusverbrechen: Anzeige bei der Polícia Civil, Disque 100, LGBTI-Bürgerzentrum; das deutsche Konsulat hilft in Notfällen.

Offizielle Quellen und Links

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