Die Rechtsgrundlage
In Südtirol gilt italienisches Recht; nach Artikel 99 des Autonomiestatuts ist Deutsch der italienischen Sprache gleichgestellt, sodass Anzeigen, Verfahren und Bescheide auf Deutsch erfolgen können. Das Gesetz von 2019, bekannt als Codice Rosso, verpflichtet die Staatsanwaltschaft, Opfer häuslicher Gewalt innerhalb weniger Tage anzuhören, und hat neue Tatbestände eingeführt. Daneben stehen die Entfernung aus der Familienwohnung, das Annäherungsverbot und die polizeiliche Verwarnung durch den Quästor, die auch ohne Anzeige beantragt werden kann.
Der Codice Rosso verpflichtet Staatsanwaltschaft und Polizei, Anzeigen wegen häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt vorrangig und binnen kurzer Fristen zu bearbeiten — die betroffene Person muss innerhalb weniger Tage angehört werden. In Südtirol kommen die Frauenhausdienste des Landes hinzu, die zweisprachig arbeiten und ein dichtes Netz an Beratungsstellen unterhalten.
Als Mitgliedstaat der Europäischen Union muss die hiesige Gesetzgebung den Mindeststandard der Richtlinie (EU) 2024/1385 erreichen, umzusetzen bis spätestens Juni 2027.
Die wichtigsten Punkte
| Codice Rosso | Vorrangige Bearbeitung, Anhörung des Opfers binnen weniger Tage |
|---|---|
| Verwarnung des Quästors | Verwaltungsmaßnahme, auch ohne Strafanzeige möglich |
| Wegweisung | Entfernung des Täters aus der Familienwohnung |
| Annäherungsverbot | Mit elektronischer Überwachung in schweren Fällen |
| Notrufnummer | Die landesweite Nummer 1522 ist rund um die Uhr erreichbar, mehrsprachig |
| Sprache | Anzeige, Anhörung und Schutzanordnungen auf Deutsch möglich |
In der Praxis
- Rufen Sie 112 bei akuter Gefahr und 1522 für Beratung – die Nummer erscheint nicht auf der Telefonrechnung.
- Verletzungen ärztlich dokumentieren lassen, auch wenn Sie noch unsicher sind, ob Sie Anzeige erstatten.
- Wichtige Dokumente, Medikamente und etwas Geld an einem sicheren Ort außerhalb der Wohnung deponieren.
- Die Verwarnung des Quästors prüfen: Sie wirkt schnell und setzt keine Strafanzeige voraus.
Kosten und Übernahme
Beratung und Unterbringung in den Frauenhausdiensten des Landes sind kostenlos. Für das Strafverfahren steht Betroffenen häuslicher Gewalt das patrocinio a spese dello Stato unabhängig vom Einkommen offen.
Aktuelle Entwicklungen
Der Codice Rosso ist mehrfach verschärft worden, unter anderem bei der Verwendung elektronischer Fußfesseln und bei den Fristen; Südtirol hat sein Netz an Frauenhausdiensten und Beratungsstellen ausgebaut.
Anlaufstellen
- Notruf 112 und Helpline 1522.
- Frauenhausdienste und Beratungsstellen gegen Gewalt in Bozen, Meran, Brixen, Bruneck.
- Quästur Bozen für die Verwarnung.
Gut zu wissen
Die Verwarnung durch den Quästor ist der am wenigsten bekannte und oft wirksamste erste Schritt: Sie ist ein Verwaltungsverfahren, geht schnell und macht eine spätere Strafanzeige nicht unmöglich.
Häufige Fragen
Was bedeutet Codice Rosso in der Praxis?
Dass Ihre Anzeige nicht liegenbleibt: Die Staatsanwaltschaft muss Sie innerhalb kurzer Frist anhören und Ermittlungen vorrangig führen. Verstöße gegen Schutzanordnungen sind eigenständig strafbar. Das Verfahren ist damit deutlich schneller als bei anderen Delikten.
Was passiert mit meinem Aufenthaltsrecht, wenn ich gehe?
Ein Aufenthaltstitel, der von der Ehe abhängt, ist in den meisten Ländern nach einer Trennung gefährdet — es gibt aber fast überall eine Härtefallregelung für Betroffene häuslicher Gewalt, die ein eigenständiges Aufenthaltsrecht ermöglicht. Sie müssen die Gewalt belegen: ärztliche Atteste, Polizeiberichte, Schutzanordnungen. Lassen Sie sich vor der Trennung bei einer Fachberatungsstelle zu Ihrer konkreten Lage beraten.
Offizielle Quellen und Links
- Autonome Provinz Bozen – Südtirol — amtliches Landesportal, deutsch und italienisch
- Landesinstitut für Statistik ASTAT — Landesstatistiken
